Prag, im Mai 2008 Festivals holen selbst aus durchschnittlichen Filmfans Marathonleistungen heraus. Sie warten in der Schlange, um Karten zu bekommen, stehen zur ersten Vorführung auf und bemühen sich, bei der letzten nicht einzunicken. Wenn sie nicht gerade im Kino sitzen, sind sie auf einem Konzert oder im Theater. Das Programm auf dem einwöchigen internationalen Festival in Karlsbad oder der Sommerfilmschule in Uherské Hradiště ist zwar anstrengend, aber dafür unvergesslich.
Das Internationale Filmfestival Karlsbad (MFF KV), das bedeutendste internationale Filmfestival in Mittel- und Osteuropa und das einzige Festival der Kategorie A in der Tschechischen Republik, findet dieses Jahr vom 4. bis 12. 7. 2008 zum 43. Mal statt. In der Sektion Retrospektive zollen die Dramaturgen zwei brillanten Regisseuren Tribut. Fünf seiner Filme wird der britische Regisseur Nicolas Roeg, ein kontroverser Autor, der sich als Kameramann von Truffauts 451º Fahrenheit einen Namen gemacht hat, persönlich in Karlsbad präsentieren. Die zweite Hommage ist dem Mexikaner Arturo Ripstein gewidmet, dessen Werk durch sieben Filme vertreten sein wird. Der Assistent von Luis Buñuel beim Film Würgengel (1962) hat Dutzende Filme in Mexiko, in Frankreich und Spanien gedreht.
Stark vertreten sind diesmal Filme niederländischen Ursprungs, die nach 2000 gedreht wurden. Die Welt der Teenager wird in Adrift (2001) und Bluebird (2004) enthüllt, an wahre Ereignisse erinnert der preisgekrönte Psychothriller Off Screen (2005). Doch auch Werke der erfolgreichsten niederländischen Regisseurinnen der Gegenwart sind zu sehen: Nanouk Leopold und Heddy Honigmann. Zur Filmkollektion kommen noch sieben Kurzfilme hinzu.
Der zweite Teil der Karlsbader Retrospektive amerikanischer Filme aus der Zeit von 1968-1980 trägt den Titel Neues Hollywood II. Hier exzellieren Robert De Niro im Retromusical New York, New York, Warren Beatty und Julie Christie im revisionistischen Western McCabe und Mrs. Miller oder Jack Nicholson als zynischer Matrose in Das letzte Kommando. Der legendäre Krimi French Connection darf hier natürlich nicht fehlen.
Diejenigen, die im Kino Gänsehaut bekommen möchten, sollten sich nicht die Mitternachtsfilme unter dem Motto Die toten Augen von London entgehen lassen. Vic Pratt, Kurator des Britischen Filminstituts, hat sieben klassische britische Horrorfilme aus den 30-er bis 60-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ausgewählt. Den mit Abstand kontroversesten Film der Retrospektive stellt das voyeuristische Opus Peeping Tom (1960) dar, das von einem Kameramann erzählt, der davon besessen ist, den Tod auf sein Filmband einzufangen.
Das Unabhängigenforum bleibt die vierte Festivalkategorie, in der in Zusammenarbeit mit dem Tschechischen Fernsehen originellen Filmen aus der ganzen Welt der Preis Unabhängige Kamera erteilt wird. Gegenüber den letzten Jahren werden die meisten als weltweite, internationale oder europäische Premiere gezeigt. Nach Karlsbad kommt auch Les Blank, der Nestor des Dokumentarfilms (geb. 1935), ein unabhängiger Regisseur, der vor allem die Volkskultur mit seiner Kamera festhält.
Im internationalen Wettbewerb für Spielfilme ist die Tschechische Republik durch eine Weltpremiere des Films der Regisseurin Michaela Pavlátová Děti noci (dt. Kinder der Nacht) vertreten. Mehr auf www.kviff.com
Mitten in den Ferien zahlt sich auf jeden Fall ein Ausflug nach Uherské Hradiště zum bereits 34. Jahrgang der Filmsommerschule (25. 7. - 3. 8. 2008) aus. Keine Angst vor langweiligem Unterricht, die Zuschauer erwarten hier über zehn interessante Zyklen, die Filme zum Thema Magie, Retrospektiven von Juraj Jakubisko, Jan Švankmajer, Julio Médemo (werden ihre Filme persönlich vorstellen)und Alejandro Jodorowsky bringen. Aktuelle politische Themen eröffnen Filme, die sich mit dem langjährigen Konflikt zwischen Israel und Palästina auseinandersetzen. Ein traditioneller Bestandteil der Sommerfilmschule ist die musikalische Begleitung von Stummfilmen, dieses Jahr mit Auftritten von Erik Truffaz und dem Masala Sound System. Der ZyklusTschechische und slowakische Filme der Gegenwart zeigt neben Filmen aus dem letzten Jahr eine attraktive Sammlung der besten der schlechtesten Filme, die nach 1989 gedreht wurden. Der neue Zyklus Neu geschriebene Vergangenheit richtet die Aufmerksamkeit auf tschechoslowakische Filme, insbesondere aus der Zeit der sog. Normalisierung, und bietet die Gelegenheit, Schlüsselereignisse des Jahres 1968 aus der Sicht des Auslands zu betrachten. Eine weitere Retrospektive ist dem Werk des kontroversen Schriftstellers, Regisseurs, Dramatikers und weiteren Gastes der Sommerfilmschule 2008 Pavel Kohout gewidmet. DieFilmmagazine der Visegrád-Länder stellen eine Auswahl von Filmen der einzelnen Kinematographien vor. Doch auch der pädagogisch-bildende Aspekt der Sommerfilmschule bleibt nicht unbeachtet - während des Festivals findet ein Einführungskurs für Schüler von Mittelschulen statt. Das Rahmenprogramm umfasst Konzerte, Theatervorstellungen, eine große Ausstellung zum Werk Jan Švankmajers sowie literarisch-musikalische Begegnungen. Weitere Informationen auf www.lfs.cz.
Markéta Chaloupková
CzechTourism, E-Mail: chaloupkova@czechtourism.cz
